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Zurück zu den Wurzeln - bis nach Afrika

Schöppingen - Es ist kein Wunder, dass sich das Blues-Festival in Schöppingen auch zur 20. Auflage immer noch frisch und munter darstellt. Das Engagement der Freiwilligen, die knuffige, fast familiäre Atmosphäre rund ums Vechtebad und nicht zuletzt das glückliche Händchen, das Richard Hölscher mit der Auswahl der Künstler hat, lässt die Bluesfans zu Recht alljährlich in den Ort pilgern. Auch wenn die Bäuche vieler Fans mittlerweile in Ehren gerundet sind und die schwarzen T-Shirts, auf denen Daten längst vergangener Tourneen von Blues-Heroen prangen, etwas eng geworden sind. Blues­fans werden eben nicht jünger. Doch sie stehen nach wie vor auf gute Musik. Die wurde am Wochenende erneut geboten.

Der Blues entstand zwar in den USA; einige der ursprünglichen Ingredienzien des Genres stammen aber wohl aus Afrika. Dorthin ist der Blues zurückgekehrt und hat sich vermischt mit den modernen Rhythmen des schwarzen Kontinents. Mit dessen Melodiösität und hypnotisierendem Groove. Bei Roland Tchakounte, dem aus Kamerun stammenden Gitarristen und Sänger, wächst zusammen, was zusammengehört. Am Samstag sorgte er für einen musikalisch höchst interessanten Höhepunkt.

Tchakounte erzeugte auf der Akustikgitarre eine ruhig fließende, musikalische Basis, die die Zuhörer in eine leichte Trance versetzte. Die wurde durch seinen Gesang - vorwiegend in der Sprache seines Volkes, Bamileke - noch verstärkt, ebenso durch das Spiel von Percussionist Matthias Bernheim. Mick Ravassats Spiel an der E-Gitarre ließ immer wieder Anklänge an westafrikanische Juju-Musik erkennen. Schade nur, dass die einzelnen Titel zu kurz gerieten, sodass man allzuschnell wieder aus dem leicht entrückten Bewusstseinszustand gerissen wurde, in den die Musiker die Zuhörer versetzten.

Der als neue Hoffnung des Blues angekündigte Ryan McGarvey löste das Versprechen nur halb ein. Sicherlich: Er ist ein exzellenter Gitarrist, erzeugte per heftigem Tapping (wobei Fingerkuppen der Schlaghand heftig und schnell auf das Griffbrett gedrückt werden) Elektro-Gewitter. Doch der Auftritt wirkte bis auf wenige Ausnahmen merkwürdig monoton, vor allem durch das doch eher einfallslose Spiel seiner beiden Mitstreiter. Sie knüppelten die Stücke eher hart, aber herzlos herunter. Sehr „weiß“, recht unsexy. McGarvey hätte Besseres verdient gehabt.

John Németh brachte mit seiner Band einen guten Schuss Soul in die Veranstaltung. Manchmal meinte man tatsächlich, Wilson Picket zu hören - vom Timing und Stil her, weniger von der Stimme, die sich bei Németh in erstaunliche Höhen schraubte. Bass, Schlagzeug, Gitarre sorgten neben dem erfrischenden Harp-Spiel Némeths für eine Art Retro-Soul der ganz anderen Art, dargeboten mit einer großen Selbstsicherheit. Es blieb nicht nur beim Soul: Boogie Woogie und Balladen vergrößerten die musikalische Bandbreite.

Ana Popvic und Mike Zito zelebrierten, was guten Blues ausmacht: Kommunikation. Untereinander und mit dem Publikum. Bei ihnen merkte man: Da haben sich zwei verwandte Seelen gefunden. In aller Freundschaft beharkten sie sich mit ihren Gitarren, bis die Funken flogen. Eine Live-Show, die alle relevanten Blues-Elemente in sich vereinte: Beim Jammen konnten die Zuhörer dabei sein, wie sich die Musiker gegenseitig inspirierten. Auch wenn ganz kurz mal der Faden riss - der Authentizität tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Zwischenzeitlich ging es zurück zu den Wurzeln des Blues, z.B. mit einem Titel von T-Bone Walker. Die international besetzte „Bigband“ sorgte für stilistische Vielfalt.

Den Rausschmeißer des ersten Festivaltages spielten Lil Ed & The Blues Imperials. Ed gerierte sich als der Bruder Lustig des Blues. Ein Gegensatz? Nicht für den kleinen Gitarristen und Sänger aus Chicago. Wer sagt denn auch, dass jeder Blues den Blues haben muss? Schließlich ist aus dem Genre der RocknRoll entstanden. Und in die Richtung ging auch die Musik der Band. Ed nahm dem Blues die Schwere, lachte, rollte mit den Augen, bleckte die Zähne und verbreitete gute Laune mit seiner Pamela. Pamela? Ja: Seine Gitarre trägt tatsächlich diesen Namen. Wie dem auch sei: Lil Ed und seine „Imperials“ verschafften den Besuchern einen fröhlichen Abschluss des ersten Festivaltages.

VON MARTIN BORCK, GRONAU
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